Wachstum verändert nicht nur die Zahl der Menschen im Unternehmen. Es verändert, wie Entscheidungen überhaupt möglich werden.
Viele Gründer:innen merken zuerst nur, dass etwas schwerer wird. Ein Gespräch dauert länger. Zwei Personen entscheiden unterschiedlich. Aufgaben bleiben zwischen Rollen liegen. Die Unternehmensspitze wird wieder zum Ort, an dem alles zusammenläuft.
Der naheliegende Schluss lautet dann: Wir brauchen mehr Prozesse, mehr Führung oder mehr Personal. Manchmal stimmt das. Häufiger fehlt zunächst eine präzisere Frage: Welches Betriebssystem braucht diese Gründung in ihrer aktuellen Größe?
Die folgenden drei Größen sind keine Naturgesetze und keine magischen Schwellenwerte. Sie sind ein Arbeitsmodell für drei unterschiedliche Organisationsfragen.
1–2 Personen: Erst die Gründervereinbarung, dann das Organigramm
Am Anfang ist vieles angenehm direkt. Zwei Gründer:innen können sich schnell abstimmen, Aufgaben spontan verteilen und Entscheidungen im Gespräch treffen. Nähe ersetzt Struktur – und das ist zunächst kein Problem.
Zum Problem wird Nähe dort, wo sie mit Einigkeit verwechselt wird.
Ein Workshop-Bericht der Harvard Innovation Labs beschreibt die Gründerbeziehung als zentrale Infrastruktur und empfiehlt, Rollen, Entscheidungsrechte, Beteiligung, Vergütung, persönliche Prioritäten und Werte explizit zu besprechen. Das klingt formal für eine sehr kleine Organisation. Tatsächlich ist es oft die leichteste Phase, in der diese Fragen noch ohne große Folgekosten geklärt werden können.
Die entscheidenden Fragen sind nicht:
- Wer ist der wichtigere Gründer?
- Wer hat die bessere Idee?
- Wer gewinnt die Diskussion?
Sondern:
- Wer entscheidet in welchem Bereich endgültig?
- Wo brauchen wir echte gemeinsame Zustimmung?
- Was passiert bei Dissens unter Zeitdruck?
- Welche persönlichen Grenzen und zeitlichen Verpflichtungen beeinflussen unser Unternehmen?
- Wann überprüfen wir diese Vereinbarung wieder?
Eine klare Zuständigkeit macht die Partnerschaft nicht unkollegial. Sie schützt sie davor, jeden Konflikt als persönliche Frage auszutragen.
Mitchell Davidson beschreibt in einer qualitativen Studie mit 37 Startup-Gründer:innen, wie sich Delegation über Entwicklungsphasen verändert: von enger Bindung über ein schrittweises Lösen bis zur Möglichkeit, andere wirklich handlungsfähig zu machen. Die Studie liefert keine Mitarbeiter-Schwellenwerte. Sie hilft aber, die erste Phase anders zu verstehen: Nicht jede persönliche Nähe muss aufgelöst werden. Sie muss nur dort explizit werden, wo sie Entscheidungen blockieren könnte.
Praktischer Schritt: Vereinbart eine einseitige Gründervereinbarung. Nicht als juristisches Dokument, sondern als sichtbare Arbeitsgrundlage für Zuständigkeiten, Dissens und regelmäßige Überprüfung.
10–12 Personen: Persönliche Nähe reicht nicht mehr als Betriebssystem
Mit zehn oder zwölf Menschen kann ein Unternehmen noch sehr vertraut wirken. Viele kennen sich, die Gründer:innen sind erreichbar, Informationen lassen sich schnell im Flur oder im Gruppenchat teilen.
Genau darin liegt die Falle: Die Organisation fühlt sich noch klein an, arbeitet aber bereits mit mehr Abhängigkeiten.
Eine Person weiß etwas, das für drei andere relevant wäre. Eine Entscheidung wird im Einzelgespräch getroffen, erreicht aber nicht alle Betroffenen. Aufgaben werden übernommen, weil jemand gerade Zeit hat – nicht, weil Verantwortung geklärt ist. Neue Kolleg:innen können die informelle Geschichte hinter Entscheidungen nicht mehr vollständig kennen.
Jetzt braucht es nicht automatisch eine große Führungsschicht. Es braucht zunächst Sichtbarkeit:
- Welche Entscheidungen wiederholen sich?
- Wer darf sie treffen?
- Welche Informationen müssen alle sehen, welche nur bestimmte Rollen?
- Wo entstehen Übergaben zwischen Produkt, Vertrieb, Operations oder Kundenarbeit?
- Welche Meetings lösen ein konkretes Entscheidungsproblem – und welche kompensieren nur fehlende Klarheit?
Die Forschung zur Organisationsgestaltung von Startups beschreibt genau diese Spannung zwischen Struktur und Flexibilität. Die Studie von Handoko und Tjaturpriono basiert auf sechs indonesischen Digital-Startups und ist deshalb nicht als allgemeines Schwellenmodell lesbar. Ihr Nutzen liegt in der Unterscheidung: Wachstum verlangt nicht entweder mehr Ordnung oder maximale Agilität. Es verlangt eine bewusstere Kombination aus beidem.
Praktischer Schritt: Baut ein kleines Entscheidungsregister für die zehn wichtigsten wiederkehrenden Entscheidungen. Nicht alle Abläufe dokumentieren. Nur sichtbar machen, wer entscheidet, wer Input gibt und wann eskaliert wird.
30–50 Personen: Die Gründerrolle muss sich verschieben
Bei 30 bis 50 Personen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass informelle Koordination systematisch an Grenzen stößt. Aber auch hier gilt: Die Zahl allein entscheidet nicht. Ein Unternehmen mit vielen standardisierten Abläufen kann anders funktionieren als ein projektintensives Team mit wenigen, aber hochgradig voneinander abhängigen Rollen.
Die Kernfrage verändert sich trotzdem:
Nicht mehr: Wie bleibe ich in allem nah genug dran? Sondern: Welche Entscheidungen müssen ohne meine direkte Beteiligung gut getroffen werden können?
Ein Fallbeispiel der Stanford Graduate School of Business beschreibt Danco Capital auf dem Weg von vier auf 240 Mitarbeitende. Zu Beginn machten die Gründer:innen vieles selbst; es gab keine echte Organisationsstruktur und keine klaren Stellenbeschreibungen. Mit dem Wachstum wurden Zwischenräume sichtbar: Aufgaben lagen zwischen Funktionen, Zuständigkeiten waren lose verteilt, und die Gründer mussten ihre eigene Rolle neu denken.
Das ist keine Aufforderung, bei 30 Personen reflexhaft eine HR-Abteilung, ein neues Organigramm oder mehrere Managementebenen einzuziehen. Es ist eine Aufforderung, die nächste Struktur vor der nächsten Einstellung mitzudenken.
Drei Fragen helfen:
- Welche Verantwortung soll in sechs Monaten nicht mehr bei der Gründerin oder dem Gründer liegen?
- Welche Mandate brauchen die Personen, die heute schon Ergebnisse verantworten?
- Welche Schnittstelle erzeugt gerade mehr Abstimmung als Wert?
Die Gründerrolle verschwindet dadurch nicht. Sie wird anspruchsvoller. Richtung, Prioritäten, zentrale Risiken und die Qualität des Führungssystems bleiben oben. Die tägliche Koordination jeder Ausnahme sollte es nicht bleiben.
Praktischer Schritt: Zeichnet nicht zuerst Kästchen. Zeichnet drei bis fünf entscheidende Wertströme und markiert, wo eine Person heute noch als menschliche Schnittstelle gebraucht wird. Erst danach entscheidet ihr, ob es eine neue Rolle, ein neues Mandat, eine andere Routine oder schlicht eine Stop-Entscheidung braucht.
Der Fehler liegt selten in der falschen Größe
Die drei Segmente sind keine Reifeprüfung. Ein Zwei-Personen-Team kann eine anspruchsvollere Entscheidungslogik brauchen als ein Unternehmen mit 30 Personen. Ein 12-Personen-Team kann mit hoher Klarheit arbeiten, während ein 40-Personen-Unternehmen noch vollständig von Einzelwissen abhängt.
Der relevante Wechsel ist nicht die Zahl auf der Website oder im Pitch Deck. Es ist der Moment, in dem die bisherige Art der Zusammenarbeit eine neue Realität nicht mehr zuverlässig trägt.
Dann hilft keine pauschale Forderung nach mehr Professionalität. Hilfreicher ist eine kleinere, genauere Entscheidung:
- Bei 1–2 Personen: Was müssen wir zwischen uns explizit machen?
- Bei 10–12 Personen: Was muss im Team sichtbar werden?
- Bei 30–50 Personen: Was muss ohne die Gründer:innen tragfähig werden?
Wenn daraus ein größerer Klärungsbedarf entsteht, kann ein Business Retreat helfen, die Entscheidung außerhalb des Tagesgeschäfts zu sortieren. Wenn die neue Logik anschließend über Monate in Entscheidungen, Rollen und Umsetzung verankert werden muss, kann eine zeitlich definierte Begleitung als Fractional Chief of Staff passend sein. Beides ist kein Ersatz für die Entscheidung selbst.
Was euch bis hierher gebracht hat, war wahrscheinlich nicht falsch. Es ist nur nicht automatisch das Modell, das euch weiterträgt.
Quelle und Einordnung
Ausgangspunkt dieses Beitrags sind eine qualitative Studie zu Delegationsphasen bei 37 Startup-Gründer:innen von Mitchell Davidson, eine qualitative Studie zur Organisationsgestaltung in sechs indonesischen Digital-Startups von Indria Handoko und Hendro A. Tjaturpriono, ein Workshop-Bericht der Harvard Innovation Labs und ein Fallbeispiel der Stanford Graduate School of Business. Dieser Beitrag ist keine vollständige Wiedergabe dieser Quellen, sondern verbindet ihre begrenzten Befunde mit einer redaktionellen Unterscheidung für drei typische Gründungssituationen. Die Übertragung auf konkrete Unternehmen und die daraus abgeleiteten Prüffragen sind Saschas redaktionelle Einordnung.
Hinweis zur Erstellung
Dieser Artikel ist mit Unterstützung von KI entstanden. Ich mache das aus Transparenzgründen sichtbar und sehe darin keinen Widerspruch zu persönlicher Autorenschaft.
Entscheidend ist für mich nicht, ob ein erster Entwurf mit Hilfe eines Werkzeugs entsteht. Entscheidend ist, wer die Richtung vorgibt, die Gedanken schärft, die Schleifen führt, Formulierungen prüft und am Ende für den Inhalt steht.
Dieser Text ist deshalb das Ergebnis von Briefings, Iterationen, fachlicher Einordnung und eigener Überarbeitung. Am Ende veröffentliche ich nur, was inhaltlich zu mir passt und wofür ich persönlich einstehe.
